Fahrrad fahren mit Kleinkind in Koblenz

Als wir noch in Köln gewohnt haben, drehte sich eine übliche Mütter-mit-Baby-in-der-Krabbelgruppe Unterhaltung um Themen wie: Brei oder Baby-Led-Weaning, welche Fläschchen/Windel/Schnuller Marke ist am popo- oder kieferfreundlichsten, und welchen Radanhänger oder Fahrradsitz legen wir uns zu? Letzteres scheint in Koblenz gar kein Thema zu sein, wenn ich mir die Straßen hier ansehe.

In Koblenz komme ich mir manchmal vor wie ein Exot mit Toni hinten auf dem Kindersitz. Beim Kinderturnen sind 30 Kinder angemeldet: Wir sind die einzigen, die mit Rad kommen, jemals gekommen sind und bestimmt auch kommen werden.

Ich möchte aber hier nicht über Pro/Contra Radfahren erzählen, sondern darum, wie es ist mit Kleinkind in Koblenz Rad zu fahren. (Die Benefits von Radfahren dürften wohl ausreichend bekannt sein: man verliert etwas Winterspeck, ist in der frischen Luft, die Anschaffungs- und Unterhaltskosten sind zum KfZ vergleichsweise niedrig, Parkplatzsuche entfällt etc..) Dazu habe ich etwas Fachrecherche betrieben, und neben den Netzauskünften mich auch mit Bernd Regenhardt, Inhaber von Radsport Regenhardt im Markenbildchenweg, über das Thema unterhalten. Alle Infos, die ihr nachfolgend erhaltet, sind entweder meine Meinung oder meine Erfahrung, habe ich aus dem Netz oder von Bernd. Ich habe die Quellen jeweils dazu geschrieben.

Rad Hbf Fahrrad Koblenz KindinKoblenz
Fahrräder am Hauptbahnhof Koblenz

Grade jetzt, wo es wieder wärmer wird, wird doch mehr Rad gefahren als im Winter und auch in der Werkstatt von Bernd Regenhardt herrscht viel Betrieb. Also: Wenn man die vielen Räder betrachtet, die am Koblenzer Hauptbahnhof stehen, könnte man meinen, wir wären in Münster oder Freiburg. Definitiv ist Koblenz aber keine Fahrradstadt. Nach Aussage des Arbeitskreis Radverkehr, wird für grade mal für 8% aller Wege der Koblenzer Bevölkerung das Rad aus dem Keller geholt. Dies soll bis zum Jahr 2020 um ganze 100% gesteigert werden, auf 16%. Dazu läuft aktuell bis zum 6.4.2016 eine Umfrage. Man kann online dafür abstimmen, an welchen Stellen der Stadt etwas für den Radverkehr getan werden soll.

Die Teilnahme an der Umfrage zum Radverkehrskonzept in Koblenz ist bis zum 6.April möglich über die Seite  Radverkehrskonzept .

 

Also, jetzt gehts los: Radfahren mit Kleinkind in drei Punkten

  1. Rechtliches

Wie fast alles in Deutschland, ist auch dies gesetzlich geregelt.

Laut Straßenverkehrs-Ordnung dürfen nur mindestens 16 Jahre alte Personen Kinder bis zum Alter von maximal sieben Jahren mit dem Fahrrad transportieren – und zwar nur in für den Kindertransport vorgesehenen Anhängern (max. zwei Kinder) oder in Kindersitzen. Die Begrenzung auf das vollendete siebte Lebensjahr gilt nicht für das Befördern eines behinderten Kindes (Quelle hier).

Ich bin über 16 und Toni unter 7, also rechtlich alles in Ordnung.

  1. Transportmöglichkeiten

Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten, ein Kleinkind mit dem Rad zu transportieren:

a) Mit Transporträdern. Infos darüber erhaltet ihr beim ADFC .

In Koblenz gibt es wohl insgesamt in der ganzen Stadt nur 1-2 solcher Transporträder. Das liegt daran, dass es relativ schwierig sei, mit diesen enge Kurven zu fahren und diese daher nicht so gut für den Stadtverkehr geeignet seien. Dieses Argument von Bernd unterstützt, dass ich in Kopenhagen sehr viele dieser Transporträder gesehen habe, und in Kopenhagen sehr lange und breite Radwege gebaut worden sind, im Gegensatz zu Koblenz.

b) Mit einem Kindersitz

Diese kann man auch gebraucht kaufen und sind relativ günstig zu haben. Das Kind sollte immer einen Helm anhaben!

c) Mit einem Kinderfahrradanhänger, den gibt es als Ein- oder Zweisitzer. Weitere Informationen gibt der ADFC hier.

In Koblenz werden diese Anhänger häufiger gekauft als Alternative a) oder b). Zwar sind sie preislich etwas teurer (300-1.000 Euro), dafür sind sie besonders praktisch, wenn man einiges zu transportieren hat z.B. für Wanderungen oder zum Einkaufen. Kinderanhänger sind stabil, und auch wenn sie mal wirklich umkippen sollten, ist das Kind relativ gut geschützt. Der Thule Chariot sei ein besonders beliebtes Modell, laut Bernd.

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Rad mit Kinderanhänger in den Rheinanlagen Koblenz

Man könnte meinen, Radfahren wäre nur was für Reiche, wenn man sich die Preise von Kindersitzen und Radanhängern anschaut. Aber zum einen kann man diese auch gut gebraucht kaufen. Und zum anderen verlieren diese relativ langsam an Wert. Z.B. kann man einen drei Jahre alten Anhänger noch für ungefähr 65% des Neupreises verkaufen. Investieren sollte man in das Rad der Eltern, und zwar besonders in gute Bremsen. Außerdem sollte der Radständer kontrolliert werden, ob er das Rad auch noch mit Kindersitz oder Anhänger hält. Im Zweifel: Rad anlehnen anstatt den Ständer zu benutzen.

Also: rechtlich abgesichert, und mit einem Kindersitz ausgestattet, können wir nun losradeln.

  1. Radwege

Wie oben erwähnt, ist Koblenz leider keine Fahrradstadt. Das liegt nicht zur an den mangelnden Radwegen. Zwar unterstreicht das Radverkehrskonzept mit seinen 58 gelisteten Vorschlägen, dass noch sehr viel Handlungsbedarf besteht, um Koblenz radfreundlicher zu gestalten.  Es gibt auch schöne Radwege wie z.B. an den Flüssen entlang. Diese sind aber leider grade bei gutem Wetter viel zu voll und daher zu eng, um wirklich entspannt radeln zu können. Die derzeit populären stillgelegten Bahnstrecken bergen die Gefahr, dass man mit den Reifen an den Pollern hängen bleibt. Einige Verletzungen wurden sich schon zugezogen. Handlungsbedarf ist also da. Aber auch wenn viele Maßnahmen des Arbeitskreises Radverkehr Koblenz bis zum Jahr 2020 umgesetzt werden: Werden mehr Bürgerinnen und Bürger das Rad oder den Bus gegen das Rad tauschen? Werden mehr Kinder mit dem Rad transportiert anstatt mit dem Bus oder Auto in die Kita oder zum Kinderschwimmen gefahren zu werden?

Solange die anderen Verkehrsteilnehmer wie Bus- und Autofahrer keine Rücksicht auf Radfahrer nehmen, werden sich wohl auch die wenigsten Eltern trauen, mit ihren Kindern die Straßen rauf- und runterzurradeln. Zu groß ist die Angst, z.B. von einem Bus abgedrängt zu werden. Am Löhrcenter oder an der Balduinbrücke beispielweise läuft der Radweg mitten durch die Busfahrspur an den Bushaltestellen. Busfahrer müssen hier – und auch an tausend anderen Stellen in der Stadt  – auf Radfahrer Rücksicht nehmen bzw. deren Daseinsberechtigung anerkennen.

Rücksichtslose Autofahrer und auch Passanten, die konsequent den Radweg zum Bürgersteig erklären, handeln meist nicht vorsätzlich. Es ist einfach noch nicht in den Köpfen der Menschen in Koblenz drin, dass Radfahrer auch Verkehrsteilnehmer sind, auch wenn sie wie oben beschrieben nur 8% derer ausmachen.

Schärfere Regeln und noch mehr Verkehrsschilder dürften sie Situation nicht verbessern, meint Bernd. Dann würden sich die einzelnen Verkehrsteilnehmer noch mehr auf ihr Recht verlassen und pochen, anstatt sich mit logischem Menschenverstand und voller Aufmerksamkeit (Stichwort: Handy….) im Straßenverkehr angemessen zu verhalten. 100% Radwege sind sowieso nicht machbar, und auch in 10 Jahren wird das Radnetz nicht vollständig ausgebaut sein. Die Topografie Koblenz lässt dies einfach nicht zu.

Fazit:

Es liegt wohl nicht an den Anschaffungskosten des Equipments, dass in Koblenz so wenige Eltern mit Kindersitz oder Radanhängern auf und an dem Rad unterwegs sind. Die Infrastruktur ist natürlich ausbaufähig, was das Konzept des Arbeitskreises Radverkehr Koblenz unterstreicht. Vielmehr sind es zum Teil berechtigte Befürchtungen der Eltern nach Sicherheit in Bezug auf andere Straßenteilnehmer.

Verkehrsteilnehmer sollten aufeinander aufpassen, und nicht das Postulat nach mehr Schildern, Regeln und Radwegen hochhalten. Dies in die Köpfe der Menschen zu bekommen, ist eine schwierige Aufgabe für für alle Menschen der Stadt.

Also, Leute, wenn ihr in Koblenz seid: nehmt Rücksicht auf die Radfahrer. Dann trauen sich vielleicht auch mehr Eltern, mit ihren Kleinkindern im Kindersitz oder Radanhänger Fahrrad zu fahren.

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Grgor sagt:

    Interessanter Artikel. Ich werde in Zukunft etwas mehr radeln.

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  2. Christina sagt:

    Sehr informativ! Um zu einer fahrradfreundlichen Stadt wie z.B Münster zu werden gehört auf jeden Fall die Infrastruktur und ein Umdenken bzw Mitdenken der anderen Verkehrsteilnehmer.

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  3. Theresa sagt:

    Gerade komme ich aus Kopenhagen und muss sagen,man sieht nur Radfahrer! Und zwar viele mit den Kindern im Anhänger! (Kindersitze sind mir keine aufgefallen) Das Tolle ist, dass es extra Radwege gibt und zwar so gut wie überall. Daher ist das Fahrradfahren viel schneller als im Autoverkehr und sicherer. Ich hoffe, dass die deutschen Städte das endlich nachholen.

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  4. Theresa sagt:

    Die klassischen Räder heißen Christiania Bikes und sind Lastenräder. Es it nur ein Stück,an dem der Anhänger integriert ist und zwar vorne. Die Webseite davon heißt http://www.christianiabikes.com/ und es gibt sie auch unter deutscher Webseite. Das noch zur Info 🙂

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  5. Yvonne sagt:

    Hallo!
    Findest du dass diese Fahrräder komplizierter zu fahren sind, als die klassischen? Es ist schwierig in einem Laden sie echt auszuprobieren, ich freue mich auf deine Antwort!
    LG
    Yvonne

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    1. Hallo Yvonne, wenn du mit „diese Fahrräder“ diejenigen meinst, die hinten einen Kindersitz haben: Nein, sie sind nicht schwieriger zu fahren. Manchmal kann das Kind unruhig werden, dann ist es schon schwieriger. Dann halte ich an und beruhige meinen Sohn. Aber in der Regel ist es genauso wie ein „normales“ City-Bike zu fahren. Mit den anderen Fahrräder habe ich selbst leider keine Erfahrungswerte. Ich hoffe diese Antwort hat dir geholfen. Wenn nicht, frag mich gerne weiter. Liebe Grüße Anja

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